Wie geht es weiter in der Viktoria-Kaserne?

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Ausstellungs-Einblicke im Frappant, hier die Diplomarbeit des Illustrators Paul Zürker (Bilder: S. Hüners)

Ausstellungs-Einblicke im Frappant, hier die Diplomarbeit des Illustrators Paul Zürker (Bilder: S. Hüners)

Die Viktoria-Kaserne an einem Sonnabendvormittag, es ist Tag des offenen Ateliers der Kreativgemeinschaft Frappant e.V. Noch ist hinter den schroff aufragenden Mauern der ehemaligen Militärkaserne nicht viel los. Nicht alle stehen um 11 Uhr auf der Matte ihres Ateliers, es sei halt ein bisschen „Bohemian“, erklärt Miguel Ferraz, ein Vorstandsmitglied des Vereins. Während er aufpasst, dass sein zweijähriger Sohn Samuel nicht auf zu weite Erkundigungsgänge geht, erzählt er, was das Arbeiten hier ausmacht und wie es in der Viktoria-Kaserne weitergehen soll. Denn der Verbleib der Gruppe im Gebäude ist gefährdet – Mitte 2012 läuft der Mietvertrag aus.


In die Viktoria-Kaserne in der Bodenstedtstraße Ecke Zeiseweg ist die Ateliergemeinschaft Frappant im Frühjahr 2010 eingezogen

In die Viktoria-Kaserne in der Bodenstedtstraße Ecke Zeiseweg ist die Ateliergemeinschaft Frappant im Frühjahr 2010 eingezogen

Der Zusammenschluss „Frappant“ hat seine Wurzeln in verschiedenen kreativen Ggemeinschaften der Stadt. Auf der Suche nach geeigneten und günstigen Räumen taten sich 2009 unter anderem das „Skam“ von der Reeperbahn und die Nutzer des „Forums Altona“ zusammen, um gemeinsam das Frappant Einkaufszentrum an der Neuen Großen Bergstraße zu beziehen. Dabei wurde auch der Verein Frappant e.V. gegründet. Die Zeit dort war kurz aber politisch brisant, so Ferraz. Man war inmitten des Widerstandes gegen Ikea Altona, erklärt er.



Drei Vorstandsmitglieder des Frappant, von links nach rechts: Miguel Ferraz, Fabian Eschkötter und Olaf Scheller

Drei Vorstandsmitglieder des Frappant, von links nach rechts: Miguel Ferraz, Fabian Eschkötter und Olaf Scheller

Die Entscheidung fiel dann pro Ikea und der Nutzungsvertrag für die mittlerweile abgerissenen Räume in der Neuen Großen Bergstraße lief im November 2010 aus. Nach neuer Suche und Verhandlungen mit der Stadt bezog die Frappant-Gruppe im März 2010 das jetzige, etwas versteckte Gebäude an der Bodenstedtstraße. In der neuen Ateliergemeinschaft arbeiten rund 140 Menschen aus den verschiedensten Bereichen wie Design, Illustration, Fotografie oder Stadtplanung und Architektur. Etwa 40 Prozent der Ateliermieter sind Künstler. Das wäre eine sehr heterogene Gemeinschaft und das sei auch das Besondere – es entstünden neue Formen der Zusammenarbeit, erklärt Ferraz, der selber Fotograf ist.


Gabriele Wingen ist freischaffende Künstlerin und arbeitet in der Historien-AG gleichzeitig die Geschichte der Viktoria-Kaserne auf

Gabriele Wingen ist freischaffende Künstlerin und arbeitet in der Historien-AG gleichzeitig die Geschichte der Viktoria-Kaserne auf

„Und die Anwohner finden es gut, das wir da sind“, sagt das Frappant-Mitglied. Vorher war der große Bau nur noch Lagerfläche für die Uni und daher sehr unbelebt. „Einmal in der Woche kamen die Putzfrauen und das wars“. Jetzt ist hier deutlich mehr Leben. In der Kaserne finden Ausstellungen und Konzerte statt und es gibt einige feste Einrichtungen wie die Musik-Session am Dienstag, den Filmabend am Sonntag oder Malkurse für Schulklassen im „FrapLab“. Das alles wird in verschiedenen Arbeitsgruppen selbst organisiert.

Das diesjährige Sommerfest war so gut besucht, „man hatte das Gefühl, wir sind hier angekommen“ resümiert Ferraz. Nun mit dem auslaufenden Mietvertrag steht ein längerer Verbleib auf der Kippe. „Worst case wäre, wenn wir wieder umziehen müssten“.

In dieser Woche hat der Verein der Stadt und den Bezirkspolitikern daher ein Nutzungskonzept vorgestellt. Ein halbes Jahr hat man daran gearbeitet, eine mögliche Zukunft für die gesamte Kaserne zu entwerfen. Alles ehrenamtlich wohlgemerkt. Die hier im Frappant ansässigen Künstler und Freiberufler wollen gerne bleiben, fünf Jahre wären ein gutes Zeitfenster, zehn noch besser. Mit der Einreichung des Konzepts sollte dieses Interesse der Stadt ebenso signalisiert werden wie der möglichst hohe Grad an Selbstbestimmtheit, den man gerne bewahren möchte.

Ein Atelierraum im Frappant. Hier arbeitet Yuri Solovei als Maler

Ein Atelierraum im Frappant. Hier arbeitet Yuri Solovei als Maler

Denn man hat sich seine Vorstellungen von der Zukunft innerhalb der Viktoria-Kaserne genauestens überlegt und das auch betriebswirtschaftlich. „Mit Kunst“, sagt Miguel Ferraz, „ist das Haus genug gefüllt“. Daher wäre für die zweite Hälfte der Kaserne eine Nutzung durch Soziales, Bildung oder Forschung wünschenswert. „Aus einer solchen Gemeinschaft können sich dann ganz neue, experimentelle Formen von Arbeit ergeben“ erklärt er weiter.

Eine GmbH soll das Dach bilden, darunter wären der Verein sowie „Viktorias Komplizen“, also die möglichen neuen Mieter der noch unbelebten Räume. Dabei sollen alle Beteiligten gleichberechtigten Handlungsspielraum haben. Die Mieteinnahmen würden für die dringend nötige Instandsetzung des Gebäudes verwendet werden, das auch eine größere Rolle als öffentlicher Raum im Stadtteil erhalten soll. „Darüber hinaus suchen wir Gelder aus europäischen Fördertöpfen“ erläutert Ferraz.

Die Illustrationsdesign-Studenten Jonas und Lynn besuchen eine Freundin zum Frühstück und wollen sich die Ateliers ansehen

Die Illustrationsdesign-Studenten Jonas und Lynn besuchen eine Freundin zum Frühstück und wollen sich die Ateliers ansehen

Der kleine Samuel ist während des Gesprächs hinter einer Ecke verschwunden und sein Vater eilt schnell hinter ihm her. Die Räume des Frappant sind weitläufig. 3850 Quadratmeter Fläche hat der Verein von der Stadt angemietet, davon sind zwei Drittel als Atelierflächen vermietet, für 6,50/Quadratmeter, von denen wiederum 2 Euro von der Kulturbehörde getragen werden. Für Atelierräume gibt eine Warteliste.

Manchmal werden sie gefragt, ob es nicht privilegiert sei, hier seinen Arbeitsplatz zu haben, erzählt Olaf Scheller, der hier ebenfalls als Fotograf arbeitet und im Vorstand ist. Er empfände es nicht als ein solches. Die Miete sei zwar gefördert und daher etwas günstiger als woanders, aber der ganze Kampf und die viele ehrenamtliche Arbeit hier würden allzu leicht übersehen, meint er. „Privilegiert ist es aber, mit den anderen zusammenzuarbeiten“, so Schellers Fazit. Eine erste Entscheidung darüber, ob das weiterhin so bleiben kann, erwartet der Verein im Oktober.

Die Frappant-Ateliers in der Viktoria-Kaserne sind am Sonntag noch einmal von 14 bis 19 Uhr geöffnet. Mehr Informationen zum Frappant und seinem Programm unter: www.frappant.org

Susanne Hüners

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