„Urban Gardening“ – Der Kampf gegen graue und trostlose Straßen

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Stadtgarten im Weidenstieg (Bilder: S. Cramer)

Stadtgarten im Weidenstieg (Bilder: S. Cramer)

Hamburg wird am Freitag Schauplatz eines Guerilla-Kampfes werden. Im Internet formieren sich schon die Truppen und Mitstreiter geben Tipps, wie man günstig an Waffen kommt: Man findet sie im Vogelfutter. Mit 18 Kilogramm Sonnenblumenkernen will die Gruppe „Guerilla Gardening Hamburg“ am Freitag um 20 Uhr vom Spritzenplatz in Ottensen aus losziehen. Ihre Gegner: Alle Ecken im Stadtteil, die grau und trostlos aussehen. Dort wollen sie die Kerne in die Erde stecken – in der Hoffnung, dass sie bald keimen und Sonnenblumen wachsen.

Die „Sunflower Guerilla Days“ hat der Hamburger Facebook-Nutzer Don Tobbo Bassero ausgerufen. Fast 67.000 Menschen aus ganz Deutschland haben sich dem Aufruf mittlerweile angeschlossen und wollen in ihrer Stadt Blumen säen. Auch Jochen Abeling von der Freien Kuntsschule Hamburg will, dass Hamburg bunter wird. Die Guerilla-Aktion sieht er aber eher skeptisch: „So etwas haben wir auch schon mal probiert, da ist aber kaum etwas dabei herauskommen.“ Ohne Pflege würden die meisten Pflanzen nicht überleben. „In Hamburg gibt es viele Unkräuter wie die Melde, die überwuchern alles“, sagt Abeling. „Wenn man etwas verändern will, reicht eine Nacht nicht aus.“

Zusammen mit seinen Studenten hat er vor zwei Jahren die Initiative Blütenträume gegründet und seitdem Blumen auf öffentlichen Plätzen in der ganzen Stadt gepflanzt, etwa auf der Kreuzung am U-Bahnhof Schlump. Dafür wurden sie auch von der Körber-Stiftung ausgezeichnet. Der Unterschied zum Guerilla-Gärtnern: Abeling und seine Mitstreiter sprechen ihre Aktionen mit den Bezirksämtern ab. In Altona hat die Bezirksversammlung sogar beschlossen, dass das Gartenbauamt die Blumenfans unterstützen soll. Am Sonntag wollen sich die Blütentraum-Aktivisten den Altonaer Balkon vornehmen und an der Kaistraße, östlich der Fußgängerbrücke, eine selbst gemixte Feldblumenmischung aussäen. Das Gartenbauamt soll Sand liefern und Grassoden abholen.

Die städtische Pflanz-Bewegung begann in New York und London schon in den siebziger Jahren. Mitlerweile ist sie zu einer Form der Gestaltung des öffentlichen Raums geworden. „Die alte Unterscheidung zwischen Stadt und Land, Natur und Gesellschaft, löst sich auf“, erklärt Soziologin Christa Müller. Sie hat zu dem Thema ein Buch herausgegeben mit dem Titel: „Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt.“ Die Menschen wollten zwar einen urbanen Lebensstil, dabei aber weder auf Konsum noch auf Natur verzichten, sagt Müller.

Von der Stadt wird der neue Trend gern gesehen. „Wir rufen zu Patenschaften für die Beete auf. Früher war es ganz natürlich, dass man sich als Anwohner auch um den Gehweg kümmert. Mittlerweile ist das etwas verloren gegangen“, sagt Christoph Meier vom Management des öffentlichen Raumes Eimsbüttel.

Medet Cakiroglu hegt und pflegt sein Beet

Medet Cakiroglu hegt und pflegt sein Beet

Bei Medet Cakiroglu allerdings nicht. Er ist Inhaber eines türkischen Restaurants im Weidenstieg und hat die Verkehrsinsel vor seinem Lokal mit bunten Blumen bepflanzt. „Es ging mir nicht darum, mehr Gäste in mein Restaurant zu locken. Es macht mir einfach Freude, wenn die Leute stehen bleiben und die Blumenpracht genießen. Wenn sie abends nach Hause kommen, nach einem anstrengenden Tag, dann können sie vor dem Beet einfach mal abschalten und durchatmen“, sagt Cakiroglu und lächelt. Vor zwei Jahren hat er angefangen, das Beet von den wild wachsenden Sträuchern und dem ganzen Müll zu befreien. Zuerst sei er ganz allein gewesen aber dann sei die ganze Nachbarschaft hinzugekommen und wollte helfen. „Das Beet ist ein richtiger Anlaufpunkt für die ganze Nachbarschaft geworden und mittlerweile haben sich viele Leute aus der Gegend ein Beispiel an unserer Verkehrsinsel genommen und angefangen, vor ihrer eigenen Haustür ein Beet anzulegen“, sagt er stolz.


Heike Richers kümmert sich um die Blumen vor ihrem Laden

Heike Richers kümmert sich um die Blumen vor ihrem Laden

Auch Heike Richers kümmert sich um so ein Beet. Zusammen mit zwei Freundinnen betreibt sie ein Bekleidungsgeschäft im Eppendorfer Weg, vor dem der kleine städtische Garten angelegt wurde. „Die Idee entstand, als vor zwei Jahren draußen neue Leitungen gelegt wurden. Die Baufirma hinterließ damals wirklich ein Nichts. Noch nicht mal Rasen“, erklärt sie. Der Platz sei dann immer mehr zu einem Müll- und Hundeplatz verkommen. „Das war echt eklig. Vor allen Dingen im Sommer hat es gestunken“. Deswegen pflanzten die drei Frauen Rasen an, den sie zum Schutze vor neuen Hundehaufen umzäunten. Mittlerweile ist aus dem Müllplatz eine kleine, bunte Wiese geworden, auf der Stiefmütterchen, Lilien und Rittersporn blühen. Immer noch hätten sie allerdings mit teils aggressiven Hundebesitzern zu kämpfen, die die Verschönerungsversuche nicht so recht verstehen könnten.


Wer auch eine Patenschaft für ein Beet übernehmen möchten, kann sich beim Bezirksamt Eimsbüttel melden.


Verena Töpper und Sarah Cramer

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