Schulchaos im Hamburger Westen

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Der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) (Bild: M. Hernandez)

Der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) (Bild: M. Hernandez)

Pünktlich zum Schulstart schickte mir „Der Senator“ einen Brief. Die unleserliche Unterschrift hätte auch „Tom Metz“ heißen können – es fehle der gedruckte Name, monierte Nachbar D. Nun, wir Eltern von Erstklässlern wissen, dass der Schulsenator in Hamburg Ties Rabe (SPD) heißt. Auf vier Seiten wurde Optimismus verbreitet und zur Gelassenheit aller Beteiligten aufgerufen, schließlich gelte der „Schulfrieden“.

Eine Beschönigung für allgemeine Ratlosigkeit sowohl von Opposition und Regierung, befürchte ich, denn um mich herum höre ich viele Schulgeschichten, die ziemlich chaotisch klingen. Meine Tochter ist gerade eingeschult worden und sitzt in einem Container-Klassenraum. Da hat sie noch Glück gehabt, denn der Container steht schon und muss nicht noch erst produziert, transportiert oder installiert werden wie an anderen Standorten.


Dr. Kaja Steffens, Schulexpertin der CDU und Abgeordnete der Bezirksversammlung Altona (Bild: V. Urmersbach)

Dr. Kaja Steffens, Schulexpertin der CDU und Abgeordnete der Bezirksversammlung Altona (Bild: V. Urmersbach)

Der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Robert Heinemann versammelte vor kurzem rund 30 interessierte Zuhörer in seinem Ottenser Büro und referierte gemeinsam mit der schulpolitischen Sprecherin der CDU-Bezirksfraktion Dr. Kaja Steffens zum Thema Schulpolitik in Altona. Da musste ich als frisch gebackene Schulkind-Mutter dabei sein!

Der vom Senator beschworene Schulfrieden gelte, betonte Heinemann, übrigens Lehrer-Sohn. Aber schnell war klar: An vielen Schulen im Hamburger Westen herrscht Planlosigkeit und die CDU wäre dumm, das nicht zu thematisieren – obwohl vieles ganz klar noch aus ihrer Regierungszeit herrührt.

Der Direktor eines Gymnasiums aus Rissen berichtete von massiven Raumproblemen: Wegen steigender Schülerzahlen und sinkender Klassengröße fehlten immer mehr Klassenräume, ebenso der Platz für Neubauten. Robert Heinemann erklärte, dass die Situation in Hamburg besonders schwierig sei, weil es keine sogenannte „demographische Rendite“ gäbe, ein Euphemismus für die Tatsache, dass in Deutschland immer weniger Babys auf die Welt kommen. In anderen Bundesländern lösen sich viele Probleme von alleine, da jedes Jahr weniger ABC-Schützen eingeschult werden.


Erstklässlerin auf dem Weg in die Schule

Erstklässlerin auf dem Weg in die Schule (Bild: V. Urmersbach)

Nur in Hamburg steigen die Schülerzahlen an. Gut für Hamburg, schlecht für die Kinder: Denn was die Planung angeht, hinke die Schulbehörde immer hinterher und verwalte den Notstand, berichteten Lehrer und Oppositionspolitiker. Komischerweise fallen die vielen Schüler erst auf, wenn sie Klassenzimmer brauchen, vorher könne man sie nur schwer zählen, argumentierte Heinemann, da die Ottenser Eltern gern kurz vor Schuleintritt der Kinder in den grünen Westen der Stadt ziehen.

Unübersichtlich ist die Altonaer Schulstandortplanung, denn seit April wartet die Opposition auf den Schulentwicklungsplan des Senators: Wo sollen Stadtteilschulen entstehen, wo Neubauten die Raumnot lindern, wo Ganztagschulen ausgebaut werden? Und auf den 29 Seiten des rot–grünen Koalitionsvertrages im Bezirk findet sich zum Thema Schule nur ein lapidarer Satz: „Bei schulischen Struktur- und Standortangelegenheiten ist der Bezirk frühzeitig zu beteiligen.“

Zwei Lehrer klagten darüber, dass sie an unterschiedlichen Standorten unterrichten und diese unterschiedlichen Schulen zu verschiedenen Uhrzeiten starten – das kann nicht funktionieren. Auch die sogenannte Inklusion, also gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen und Einschränkungen welcher Art auch immer, müsse besser unterstützt werden, wurde allseits kritisiert. Zu Recht fühlen sich viele Pädagogen dafür nicht qualifiziert und fordern zusätzliche Sonderpädagogen an ihrer Seite ein.

Verschärft wird die Situation dadurch, dass immer mehr Schulen zu Ganztagschulen werden sollen. Und da ist neben der Betreuung auch so vieles Andere nicht geklärt: Wo essen die Kinder zu Mittag? Nur an wenigen Schulen gibt es schon Küchen und Räume für den Mittagstisch. Wo nicht, sollen Catering-Dienste beauftragt werden. Natürlich leidet die Nährstoffdichte gewaltig, vom zweifelhaften Genuss lauwarmen Essens ganz zu schweigen! An einigen Standorten werden die Kinder demnächst im „Multifunktionsraum“, so heißt das Klassenzimmer dann nachmittags, an ihren Plätzen ein Tablett mit lauwarmen Mahlzeiten vorgesetzt bekommen.

CDU-Schulexpertin Kaja Steffens forderte, die Lernstandserhebungen der Schulen öffentlich zu machen: „Wenn die Lehrer wissen, wie es um den Wissensstand der Schüler steht, sollen auch die Eltern erfahren, wie die Behörde die Qualität des Unterrichts einschätzt“, sagte sie. Das sehen viele Lehrer anders.

Am Ende des Abends war mein Eindruck, dass die Schulen vor gewaltigen Herausforderungen stehen, um es einmal positiv auszudrücken. Man könnte auch sagen, dass die Politik ziemlich lange geschlafen hat und die Kinder die Sache nun ausbaden müssen. Klar ist, dass gute Worte allein nicht ausreichen, sondern dass Geld fehlt, viel Geld. Woher solle er das nehmen, fragte mich jüngst Bezirksamtsleiter Jürgen Warmke-Rose im Rahmen eines Pressegesprächs, als es um die allgemeine Haushaltslage ging.

Nun habe ich eine Idee: Wie wäre es, die Kantine im Altonaer Rathaus (mit attraktiver Innenhof-Außengastronomie!) zu vermieten und den Angestellten in den Behörden jeden Mittag ein lauwarmes Tablett am Schreibtisch zu servieren?

Viktoria Urmersbach

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