Poetry-Slam-Meisterschaften 2011: Wörter, Sätze, Texte ins Gesicht geschleudert

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300 Teilnehmer haben für die 15. Poetry-Slam-Meisterschaften zugesagt. Michel Abdollahi hat sie untergebracht, Bente Varlemann wird teilnehmen (Bild: A. Laible)

300 Teilnehmer haben für die 15. Poetry-Slam-Meisterschaften zugesagt. Michel Abdollahi hat sie untergebracht, Bente Varlemann wird teilnehmen (Bild: A. Laible)

Es gehört viel Mut dazu, sich hinzustellen vor eine Masse Mensch und zu sagen: Die Worte, die aus meinem Mund purzeln, sind mein Text. Und der ist gut. Sogar gut genug, der Beste zu sein. Und ich nenne mich hiermit Literat! Nein, besser: Poet!

„Poetry Slammer“ müssen bereit sein, die Hosen runterzulassen. Sie sind sprachliche Stripper. Sie kehren ihr Innerstes öffentlich nach außen. Höchstens fünf Minuten lang, möglichst direkt und unbedingt ehrlich. Das muss das Publikum spüren. Und fühlen. Nur dann spendet es tosenden Applaus und klatscht nicht bloß aus Mitleid.

Bente Varlemann weiß um diese Gefahr. Die 26-Jährige stellt sich seit sechs Jahren dieser Situation auf Poetry Slams, bei denen das Publikum unerbittlich entscheidet, ob schmeckt, was aufgetischt wird. Für sie ist es auch nach 450 Auftritten eine Überwindung, ihre Texte vorzutragen: „Du stehst vor 500 Leuten und fragst dich: Hab ich denen wirklich was zu erzählen?“ Das nächste Mal wird sie sich diese Frage bei den 15. deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften stellen, die vom 18. bis 22. Oktober in Hamburg stattfinden.

„Slam“ steht wörtlich etwa für „zuschlagen“ oder „jemandem etwas ins Gesicht schleudern“. Varlemann schleudert Sprache, Poesie, Wortkunst. Der Dichterwettstreit lebt vom Unvorhersehbaren, Spontanen, Unkomplizierten. Ein Slam ist bescheiden in seinen Bedürfnissen: ein Raum, ein Publikum, ein Poet. Und der trägt für gewöhnlich nicht einfach vor, nein, er „performt“. Bewertet wird also nicht nur der Text selbst, sondern auch die Überzeugungskraft seines Vortragenden. „Ich steh da ja nicht einfach nur“, erklärt Varlemann. „Ich bin Projektionsfläche für meinen Text, mein Text natürlich aber auch für mich.“

Auch Michel Abdollahi, 1981 in Teheran geboren, hat so angefangen. Mit 18 stand auch er als Slammer auf der Bühne, doch er entschied sich schnell dafür, dass das nichts für ihn ist. Doch ganz ablassen vom Poetry Slam wollte er doch nicht: Abdollahi organisierte und moderierte 1996 einen der ersten großen Slams in den Zeisekinos, heute ist er Moderator der „BunkerSlams“ im Uebel & Gefährlich und der „Kampf der Künste“-Reihen am Schauspielhaus.

Abdollahi sieht die Rolle des Vortragenden entspannter: „Performance ist völlig überbewertet. Ich hatte immer einen einzigen Zettel dabei. Eine Geschichte. Die habe ich dann vorgelesen, völlig egal, in welcher Stimmung ich gerade war“, sagt er, „ich verstehe nicht, wie Leute eine so emotionale Beziehung zu ihren Texten haben können.“ Tatsächlich bilden diese zwei Positionen ein Spannungsfeld, in das sich alle Slammer einordnen lassen. „Die einen enden häufig als Schauspieler, die anderen als Autoren“, sagt Abdollahi.

Auf die Slam-Wertung habe dies allerdings nicht zwangsläufig einen Einfluss. „Das hängt total von der Stimmung im Publikum ab, und die ist jedes Mal anders. Man weiß nie vorher, was bei einem Slam passiert.“ Hier sind sich Varlemann und Abdollahi wieder einig. Die Unvorhersehbarkeit des Events sei die Basis für die freundschaftliche Stimmung, die jeden Slam dominiere. Es ist eine mittlerweile große, aber eng zusammengeschweißte Szene von Slammern und Slam-Organisatoren, die einander schätzen. Trotz des Wettkampfs auf der Bühne gebe es unter den Teilnehmern hinter den Kulissen keinerlei Probleme, sagt Bente Varlemann. „Es ist jedes Mal ein bisschen wie Klassenfahrt. Man kennt sich, man mag sich, man findet immer einen Schlafplatz.“

Die Unterbringung der 300 Teilnehmer des diesjährigen Slams lag in Michel Abdollahis Händen. Das sei aber „längst erledigt“. Er sieht den Meisterschaften, deren Eröffnungsshow im Thalia und deren Finale in der O2 World er moderieren wird, gelassen entgegen.

Bente Varlemann wird sich wohl erst wieder entspannen können, wenn alles vorbei ist. Die Dimensionen der 15. Poetry-Slam-Meisterschaften sind einfach immens: Zehn Einzelvorrunden à elf Slammer, zwei Teamvorrunden mit jeweils 15 Slam-Gruppen, vier U20-Vorrunden, bestehend aus zwölf bis 13 Teilnehmern, acht verschiedene Locations, unter anderem das Schauspielhaus, die Fabrik und das Molotow. Diese Größenordnung beweist: Der Poetry Slam als Kunstform und Literaturgattung ist nicht mehr wegzudenken und trotzdem schwer zu fassen.“Leute promovieren über das Phänomen Poetry Slam, es werden laufend Slam-Anthologien herausgebracht. Wozu? Die Dinger liegen wie Blei in den Regalen“, sagt Abdollahi. Die Texte leben durch den Vortrag. Wer Poetry Slam erleben und verstehen will, muss also tatsächlich hingehen.

Laura Schuller & Ulrike Waltsgott

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Slam 2011 18.10.-22.10., Eröffnungsshow Di 18.10., 20.00, Thalia-Theater (U Mönckebergstraße), Gerhart-Hauptmann-Platz Finale Sa 22.10., 20.00, O2 World (S Stellingen + Bus 380), Sylvesterallee 10; Tickets an allen bek. Vvk.-Stellen; das Programm für alle Spielstätten und Vorrunden unter www.slam2011.de

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