Großstadtindianer mitten in Ottensen

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Saide Sesin Martinez brachte die mexikanischen Indianertänze nach Hamburg (Bilder: V. Urmersbach)

Saide Sesin Martinez brachte die mexikanischen Indianertänze nach Hamburg (Bilder: V. Urmersbach)

Am Sonntag ist es sogar in Ottensen ziemlich ruhig. Doch am vergangenen Sonntag hörte ich vom Balkon aus exotische Trommelgeräusche. Gegenüber im Rathenaupark schien ein Indianerfilm gedreht zu werden: Auf der großen Wiese stampfte eine Gruppe von Menschen in aufwendigen Kostümen und musizierte mit mir völlig fremden Instrumenten.

Meine Tochter, im allerbesten Alter, ein echter Indianer–Fan zu werden, wollte sofort in den Park und mehr erfahren. Erst schauten wir einfach zu, dann wurden wir sogar eingeladen, mit zu machen. Und weil wir so typische Multi–Kulti–Ottenser sind, hatten wir viele, viele Fragen, die wir der Häuptlingsfrau stellten.

Die Frau mit dem allerausladendsten Kopfschmuck, Saide Sesín Martínez, erzählte uns, wie sie in Mexiko geboren wurde und dort aufwuchs. In ihrer Heimat lernte sie die Tänze schon als Kind kennen, erst in der Familie, dann in der Schule. Für alle Anlässe gab es spezielle Tänze, die jeder im ganzen Land kennt.

Denn, anders als ich dachte, handelte es sich nicht um Stammestänze einzelner indianischer Völker, sondern um das ganz offizielle kulturelle Erbe Mexikos. Das präkolumbianische Erbe wird vom Staat gepflegt. Weil Saide Sesin Martinez diese Tradition so liebt, zögerte sie sehr, mit ihrer großen Liebe nach Deutschland zu gehen.


Ein weiser Mann aber, ihr Lehrer und Berater, beruhigte sie: „Auch in Hamburg wirst du tanzen, der Tanz bleibt bei dir. Und du sollst den Tanz weiter tragen“, befahl ihr Don Ernesto. So kam sie vor vielen Jahren in unsere Stadt und fing an, Gleichgesinnte zu suchen. Und tatsächlich: Schnell war die Gruppe gefunden, die nun regelmäßig gemeinsam tanzt, trommelt, stampft.

Sieben– bis achtmal im Jahr treffen sie sich in Hamburger Grünanlagen. In der Mitte liegen Blumen, die in der Nacht vorher zu Kränzen gebunden werden. Außerdem raucht Copal, das mexikanische Weihrauch. Diese letzte Zusammenkunft war die des „Westens“, die anderen im Laufe des Jahres stehen im Zeichen von „Süden“, „Osten“, „Westen“, „Oben“, „Unten“ und „Mitte“. Gerade in Ottensen im Rathenaupark tanzen sie besonders gern, verrät die Indianerin. Viele Leute blieben stehen und schauen zu, niemand habe sich jemals beschwert – typisch multikulturelles Ottensen. Oder, wie mein Mann, der Rheinländer, immer sagt: „Jeder Jeck ist anders.“


Marcela Zapata tanzt regelmäßig zu Ehren der indianischen Götter

Marcela Zapata tanzt regelmäßig zu Ehren der indianischen Götter

Am Sonntag beobachteten wir einen Tanz für den Hirschen und einen für die Gesundheit. Oft wird auch zu Ehren des Heiligen St. Michael getanzt, das sei ja der Schutzheilige unserer Stadt, erklärte mir die Mexikanerin. Gewissermaßen als Gastgeber ist er fester Bestandteil der Götter, für die die Tanzgruppe sich bewegt.

Die Schritte und Töne sollen die Tanzenden in eine Verbindung mit der Natur und ihren Göttern treten lassen und eine Einheit empfinden lassen, die seit Jahrhunderten fester Bestandteil der indianischen Glaubenswelt ist. Gerade die Ehrfurcht vor der Schöpfung will Saide bewahren und mit den Tänzen beschwören. Wichtig ist ihr, dass für die amerikanischen Instrumente und den Schmuck keine Tiere sterben mussten.

Das Saiteninstrument, eine Art Mandoline, ist aus dem Panzer eines Gürteltieres hergestellt, eine kleine Trommel war einmal der Körper einer Schildkröte, lange bunte Federn schmücken die Köpfe der Tänzer. Meiner Tochter, die neidisch auf ihren eindrucksvollen Kopfschmuck starrte, schenkte Saide eine riesige Fasanenfeder, die beim Nachdenken über schwierige Sachen helfen soll. Genau richtig zum Schulanfang, finde ich.

Ehrlich gesagt, hatte ich mir den Tanz selbst sehr viel einfacher vorgestellt: Die Schrittfolge wiederholt sich ständig, der Rhythmus ist ganz klar. Aber tatsächlich war es schwierig, eine gute Mittänzerin zu sein und die Gruppe nicht zu stören. „Einfach mal den Kopf ausschalten und nur Körper sein, dann ist es ganz einfach“, empfahl mir eine der Frauen mit einem Augenzwinkern. Das ist leichter gesagt als getan und auch meine sechsjährige Tochter, noch deutlich weniger „verbildet“ als ich, kam mit ihren kleinen Füßen manchmal ganz schön durcheinander.


Nach dem Tanz packen die Indianer ihre Blumenkränze wieder ein

Nach dem Tanz packen die Indianer ihre Blumenkränze wieder ein

Die Perfektion und Harmonie in den Bewegungen von Saide und ihren Freunden störten wir ziemlich, fürchte ich. Eigentlich sei tanzen so einfach und natürlich wie essen, trinken, atmen, erklärte Saide uns. Nur haben viele Völker dieses Wissen längst verlernt.

Der Sound der Percussionisten war eindrucksvoll: Die Trommeln mit ihren eingängigen Tönen und die Melodien der Saiteninstrumente ließen mich eintauchen in die exotische Welt der Indianer. Wir drehten uns viele Male im Kreis, bis der Rasen einen kreisrunden Trampelpfad aufwies. Und auch die vielen Drehungen um die eigene Körperachse blieben nicht ohne Wirkung: Mir wurde ein bisschen schwindelig und bei der Vorstellung, eine ganze Nacht zu tanzen, dürfte ich wohl mit einem Trance-Zustand rechnen.

Wer das einmal erleben möchte, sollte am 29. und 30. Oktober im Völkerkundemuseum bei der Feier des Mexikanischen Totentages dabei sein. Ab 20 Uhr wird am Sonnabend (29. Oktober) bis zum nächsten Morgen getanzt, die ganze Nacht hindurch. Dort im Museum finden Sie auch viele märchenhafte Schätze fremder Länder, die Hamburger Ethnologen zusammen getragen haben.

Der Schatz der Atzteken allerdings, verriet mir Saide Sesin Martinez das Geheimnis ihres Lehrers Don Ernestos, könne nie gefunden werden: Er sei nämlich nicht aus Gold, sondern ein Schatz aus Wissen. Was Neurologen und Musikwissenschaftler jüngst belegt haben, wissen die Indianer nämlich schon lange: Dass Musik wohltuend ist, dass der Rhythmus das Herz leicht macht und Endorphine freisetzen kann, die Schmerzen lindern.

Viktoria Urmersbach

19. Mexikanischer Totentag – „Mehr als lebendig“: 29. Oktober 12 bis 4 Uhr, 30. Oktober 12 bis 18 Uhr, Museum für Völkerkunde, Rothenbaumchaussee 64, E-Mail: info@mvhamburg.de, Eintritt: 7 / 3 Euro

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