Große Bergstraße: Die Baugrube der Hoffnung

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Die Baugrube für das neue Ikea-Haus an der Großen Bergstraße (r.), vom Wohnhochhaus "Forum"aus: Am sogenannten Goetheplatz wird demnächst ein neues Wohn- und Geschäftshaus gebaut (Bild: M. Rauhe)

Die Baugrube für das neue Ikea-Haus an der Großen Bergstraße (r.), vom Wohnhochhaus "Forum"aus: Am sogenannten Goetheplatz wird demnächst ein neues Wohn- und Geschäftshaus gebaut (Bild: M. Rauhe)

Es sind zwar nur einige blaue Buden, die auch schon einmal auf dem Gänsemarkt standen, aber an ihrem neuen Standort sind sie ein Lichtblick. Hanseatischer Weihnachtsmarkt steht noch auf einem Schild, das über dem kleinen Weihnachtsmarkt an der Großen Bergstraße in Altona hängt. Seit Jahren schon kämpft der Bezirk gegen den Niedergang dieser Straße, die in den 60er-Jahren noch als Deutschlands erste große Fußgängerzone gefeiert wurde. Erstmals trauen sich wieder Budenbeschicker hierher. „Nach 14 Jahren sind wir wieder da“, sagt der Mann vom Würstchengrill.

Tatsächlich dürfte der Weihnachtsmarkt zwischen den grauen 70er-Jahre-Bauten ein sichtbares Zeichen des Wandels sein. Die Große Bergstraße ist wieder im Kommen, wie es scheint.

Und das hat viel mit der gigantischen Baugrube zu tun, die unmittelbar an den Weihnachtsmarkt grenzt: Hier baut Ikea sein erstes City-Möbelhaus, 18 000 Quadratmeter groß, im Frühjahr 2013 soll Eröffnung sein. Doch schon jetzt sei die Strahlkraft dieses Hauses spürbar, sagt der Altonaer SPD-Politiker Mark Classen. Der groß gewachsene Soziologe ist Vorsitzender des Planungsausschusses im Bezirk, viel ist dort in den vergangenen Jahren über diese Straße diskutiert worden. Ikea erschien zuletzt als der große Hoffnungsträger, als Motor des erhofften Wandels. Weg von Handyshops und Billigläden, grauem Beton und Tristesse. Jetzt spricht Classen vom „Ikea-Effekt“.

Die Große Bergstraße soll zu einer Art Altonaer Mönckebergstraße werden

Bei einem Spaziergang durch die breite Straße bleibt er oft stehen: Es wird abgerissen und neu gebaut, hier ist ein neues Geschäft, dort ein neues Lokal. Die Große Bergstraße sei wieder auf dem Weg zur zentralen Einkaufsstraße Altonas, sagt Classen. Eine Art Altonaer Mönckebergstraße, aber mit völlig anderem Charakter. Vom „bewährten Altonaer Mix“, spricht Classen dann. Tatsächlich deutet derzeit eine Reihe von Projekten darauf hin, dass die Straße wiederentdeckt wird:

Am sogenannten Goetheplatz soll ein zweistöckiger Flachbau, die „Preisoase“, abgerissen werden und Platz für einen höheren Neubau machen. Rund 50 Wohnungen und Geschäfte auf zwei Stockwerken sind dort geplant.

Die Ladenzeile gegenüber erhält eine neue Fassade, der Bau wird auf die Höhe der übrigen Gebäudezeile aufgestockt. Auch dort sollen Wohnungen gebaut werden. Die Zukunft des Wochenmarkts haben die Bezirkspolitiker erst vor Kurzem gesichert und das Planrecht geändert, damit genügend Platz bleibt.

Das seit Jahren leer stehende Alte Finanzamt bekommt eine neue Nutzung: Der Studiengang Kulturmanagement der Uni, eine Schauspielschule, Künstler und Kreative werden dort günstige Räume bekommen und sollen die Große Bergstraße auch kulturell beleben. Eine 1000 Quadratmeter große „Kulturetage“ hat mit Unterstützung der Stadt zudem gerade erst in dem sanierten Wohnhochhaus „Forum“ eröffnet.

Viele neue Läden sind in jüngster Zeit schon an die Straße gezogen: ein Buchladen, ein Bio-Supermarkt, Modeläden, ein Stoffgeschäft, ein neues Weinrestaurant. Für einen alten Flachbau gibt es Neubaupläne.

Ist das der erhoffte Wandel zum Guten? Die Geschichte der Großen Bergstraße lehrt da ein wenig Demut. Schon einmal wurde sie gefeiert und bejubelt. Im Zweiten Weltkrieg hatten die Fliegerbomben tiefe Breschen in die alte Einkaufsstraße geschlagen. Bald nach dem Krieg begann der Wiederaufbau. Großzügig, lichtdurchflutet, modern – so sollte sie aussehen. 1966 schließlich wurde die Fußgängerzone eröffnet, eine der größten Deutschlands. Ein „neues Paradies für die Hausfrauen“, wie es im Abendblatt hieß.

1973 kam Versandhauskönig Josef Neckermann an die Große Bergstraße, um sein neues Warenhaus im Waschbeton-Neubau „Frappant“ einzuweihen. Später wurde daraus Karstadt. Der Frappant-Komplex war damals der Magnet, man pries seine Architektur. Im Restaurant Kasak gab’s pralle Steaks für elf Mark. Die Diskothek White Club im Gebäude galt als „schickste“ der Stadt. Doch bald schon bröckelte nicht nur der Beton, sondern auch das Image. Erstmals sprach man dann in den 80er-Jahren von Niedergang und Wiederbelebung. Erste Versuche sollten schon damals den Wandel bringen: neues Pflaster herein, dann wieder heraus. Autoverkehr wieder herein, dann wieder heraus. Und das Gebäude Frappant wurde zum Objekt eines Millionenpokers, an dem sich etliche Investoren abarbeiteten. Der Wert des Klotzes schmolz, 80 Millionen Euro sollte eine Zwangsversteigerung bringen, zuletzt zahlte Ikea nach unbestätigten Schätzungen weniger als zehn Millionen Euro – um es schließlich vor gut einem Jahr abzureißen.

Doch mit Ikea kam auch die Kritik an der geplanten Wiederbelebung. Inzwischen hatten sich in dem leer stehenden Klotz Künstler und Kreative angesiedelt. Noch heute argumentiert die „Plattform gegen Verdrängung“ gegen eine „Kommerzialisierung“ der Straße: Immer mehr Menschen müssten mit immer weniger Geld auskommen, für sie sei bald kein Platz mehr in der Straße. Gewerbe- und auch Wohnungsmieten würden steigen, schicker Kommerz anderes verdrängen. Ein Beispiel ist der Fall eines Imbissbesitzers, der wegen drastischer Mieterhöhung in den Hungerstreik trat.

Doch SPD-Bezirkspolitiker Classen verweist auch auf eine Umfrage des Vereins „Unternehmer ohne Grenzen“, wonach die 78 Händler an der Straße nach eigenen Angaben keine Probleme mit dem Wandel haben. „Wir haben hier viele Eigentümer und kleinteilige Geschäfte, das bleibt bunt“, sagt Classen. Auch der örtliche Einzelhandel-Verein ECA begrüßt den Wandel, viele Mitglieder haben in ihre Läden investiert. Also doch mehr Wandel zum Guten als Verdrängung mit negativen Folgen?

Möglicherweise liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte – das zumindest legen Aussagen der Geschäftsleute nahe: „Sicher“, sagt etwa Christiane Scheven, die vor einigen Monaten den neuen Buchladen aufgemacht hat, „hier musste Bewegung in die Straße.“ Aber nur jubeln, nein, das wolle sie auch nicht. Der Umsatz in ihrem Laden wächst stetig, sagt sie. „Aber rundherum steigen die Mieten auch kräftig.“

Axel Tiedemann


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Ein Kommentar zu Große Bergstraße: Die Baugrube der Hoffnung

  1. G. Wolters sagt:

    Weihnachtsmarkt als Hoffnung?
    Was wird passieren? Ikea kommt irgendwann und mit Ikea die Fast Food und Mode-Ketten. Der nächste Starbucks oder Balzac, noch ein H&M und noch ein Drogeriemarkt und noch eine Bio-Kette. Na Prima, der ECA der all das so toll findet wird sich vermutlich noch umgucken, wenn tatsächlich irgendwann nur noch Ketten die Ladenmieten (von den Wohnmieten mal ganz abgesehen) aufbringen können in der Großen Bergstraße zu mieten. Dann war‘s das mit „lokaler Wirtschaft“ und gewachsenen Familienunternehmen. Vielleicht überlebt das ein oder andere Nischenunternehmen, aber der Großteil der jetzigen Geschäfte wird Verlierer sein. Wir bedanken uns somit für die weisen Entscheidungen, die die Politik gegen den Widerstand vieler Menschen vor Ort betrieben hat um IKEA, die eigentlich ganz woanders hinwollten, hierher zu locken. Hier wurde eine einmalige Chance vertan ein wirklich nachhaltiges Konzept für den Stadtteil und seine Bewohner zu entwickeln. Tatsächlich wird dieses Prinzip „Hoffnung“, dazu führen, dass Ikea, von einigen planerischen Auflagen mal abgesehen, vermutlich nichts dazu beitragen wird, dass es dem Stadtteil und seinen Bewohnern in Zukunft besser gehen wird. Ein Blick nach England oder in die USA hätte genügt um festzustellen, dass dort Kommunen zunehmend bestimmte Großunternehmen und Ketten gar nicht erst in Ihre Städte lassen, da die negativen Auswirkungen auf den lokale Handel und die gewachsene Sozialstruktur, mittlerweile bekannt sind. Ich lass mich gerne in der Zukunft eines besseren belehren, vermute aber dass Herr Classens „Ikea-Effekt“ in Zukunft vermutlich eher als negatives Beispiel gelten wird. Schade, da in einer modernen Großstadt wie Hamburg, so viel von Hoffnung und Effekten gesprochen wird, ohne tatsächlich mal eine gute, vorrauschauende Vision zu haben, zu wollen und umzusetzen. ..echt provinziell!

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