Eine Nacht im Seeteufel an der Elbchaussee

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Wirtin Evelyn "Evi" Subbert vor der "Bibliothek" in ihrer maritimen Kneipe Seeteufel (Bilder: B. Andresen)

Wirtin Evelyn "Evi" Subbert vor der "Bibliothek" in ihrer maritimen Kneipe Seeteufel (Bilder: B. Andresen)

Im Seeteufel tobt der Klabautermann im Dreivierteltakt – und das schon weit vor der Geisterstunde. Abseits der Theke turtelt Wirtin Evi mit zwei fröhlichen Zechern, Stammgast Ecki zapft sein Köpi notgedrungen höchst persönlich, „Zappel-Peter“ philosophiert über den Unsinn des Lebens, und aus den Lautsprecherboxen befindet Hans Albers: „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern!“

Als hätte es Poseidon gehört, öffnet sich just in diesem Moment die Tür in eine der urigsten Pinten der Stadt, in der es in diesen nebulösen Novembertagen besonders gemütlich ist. Und das auf 27 Quadratmetern. Mit ihren Töchtern Cathrin und Undine im Schlepptau entert Marlies Schaper die Kemenate im tiefen „Mottenburg“ (Ottensen). Undine kennt hier jeder; als Verlegerin des Fachmagazins „Land & Meer“ ist sie in aller Munde.


Als „erstes Haus“ an der Elbchaussee verfügt die Pinte nicht nur wegen der Lage im Windschatten der Christianskirche über einen Ruf wie Donnerhall. Was auch an Felix Graf von Luckner liegen mag, dem wahren „Seeteufel“ und Paten des legendären Lokals. Erst kaperte er Schiffe in Serie; später zerriss er Telefonbücher, als seien sie Notizzettel. Ein Mann wie ein Orkan.


Doch zum Sinnieren ist jetzt keine Zeit. Weil Marlies, begeisterte Seglerin und nach wie vor passionierte Fahrensfrau, heute ihren 78. Geburtstag feiert. Erst gibt’s `nen Lütten aufs Haus, dann ein Ständchen. „Unsere Männer halten zu Hause die Stellung“, frohlockt das quickfidele Trio. Marlies‘ „Göttergatte“ Fiffi, so berichten die Deerns, gehöre im Seeteufel quasi zum Inventar.


„Guck mal!“, ruft Wirtin Evi und deutet auf die Zapfsäule. Darauf steht eine Taucherglocke aus Messing, gekrönt von einem Elbsegler. Fiffis Mütze. Darauf bitte noch ein Nulldrei für zwofuffzig. „Seit zehn Jahren unveränderter Preis“, schwört die Chefin. Die Deern sieht entzückend aus: dunkelblaue Rundbrille, Blüten im Haar, knallbuntes Shirt, den Schalk im Blick und kecken Wortwitz auf der Zunge. Dass sie ein weiblicher Paradiesvogel seltener Gattung ist, war schon unmittelbar nach dem „Moin!“ zur Begrüßung klar.


Im "ersten Haus" an der Elbchaussee fühlen sich auch Neulinge zu Hause

Im "ersten Haus" an der Elbchaussee fühlen sich auch Neulinge zu Hause

„Und wie bist du im Seeteufel an Land gegangen, Evi?“ Wer hier andere siezt, kann gleich draußen bleiben. Zwischen zwei Drinks serviert sie in Windeseile ihre Lebensgeschichte. 1957 in Lübz geboren, auf Rügen groß geworden, sechs Geschwister, gastronomische Ausbildung, 1987 Ausreise aus der DDR, Station als Friseurin in Barmbek – bis 1988 das „Angebot meines Lebens“ kam: Übernahme der Spelunke Seeteufel in Altona. Einstmals war in dem Haus von 1886 am Anfang der Elbchaussee ein Verkaufsladen der Kirchen-Bäckerei untergebracht.


Mit 36.000 Mark Kredit, viel Wagemut und ein paar guten Freunden an Bord vollbrachte Evelyn „Evi“ Subbert ein kleines Wunder: Mit beinhartem Einsatz, Willen und Optimismus verwandelte sie eine Kaschemme in ein maritimes Kleinod, das es in dieser originellen Form – vom „Schellfischposten“ mal abgesehen – in der Hansestadt kaum ein zweites Mal gibt. Hamburgischer geht’s nimmer. Und dass ihre drei Vorgänger als Wirte, darunter Monokel-Peter, unter der Erde liegen, betrachtet Evi nicht als schlechtes Omen.


Das Gespräch wird jäh unterbrochen. Weil Freddy da ist. „Junge, komm bald wieder“, donnert er aus der Musikbox. Schreck lass nach! Doch hier, zwischen Reedereiflaggen, antiken Galionsfiguren, uralten Koggen, Kugelfischen, Seekarten und Treibankern kommt Freddy gut. Was kann einen Seemann überhaupt erschüttern?


Apropos. Die Nautiker der alten Seefahrtschule an der Rainvilleterrasse schräg gegenüber standen stramm, als Felix Graf von Luckner bei der Eröffnung des Seeteufels am 8. Mai 1958 Pate stand – nicht nur namentlich, sondern persönlich. Garantiert kein Seemannsgarn, schwören sie unisono.


Und als Evi vor 23 Jahren das Kommando übernahm, hatten die Jungs sogar einen Schlüssel fürs Hafenlokal. Um Kaffee aufzusetzen, zu pokern und auch mal Hand an den Zapfhahn zu legen. Der Wirtin Vertrauen wird mit lebenslanger Freundschaft quittiert – wie der nördliche Sternenhimmel an der Kneipendecke sowie Geldscheine und andere Mitbringsel aus aller Herren Länder beweisen.


Zu den Gästen zählen nicht nur Kapitäne auf kleiner und großer Fahrt, Reeder, Schiffsmakler oder Spediteure, sondern auch die Hockeyherren des Teams Seeteufel, unter ihnen Graf Luckners Enkel. Am kommenden Donnerstag steigt ein Jahrestreffen. Vielleicht schaut dann auch der eine oder andere Stammbesucher auf einen Kurzen rein: Käpt’n Hajo, Papp-Jürgen, Öl-Walter, Zweifinger-Joe (wegen eines Offenbarungseids), Knochen-Lotte oder die Queen Mom. Alle schätzen die einmalige Atmosphäre und das Unikum hinterm Tresen. Und die Bibliothek hinten links in der Ecke. Angeschimmelte Werke von Marx und Engels gehören ebenso dazu wie Bücher über den Grafen Luckner. Ihm zu Ehren werden regelmäßig Lesungen veranstaltet.


Und viermal pro Jahr feiert Hans Albers Auferstehung – in Form eines seelenverwandten Künstlers aus Essen. Nächster Termin: 20. Dezember. Um ihre Gäste nicht darben zu lassen, springt bisweilen Wirtin Evi singend ein.


So wie an diesem Sonnabend, allerdings zur Musik Frank Schönfelds, einem vielseitig talentierten Segelmacher aus Sülldorf. „Der Conger-Mann“ hallt es durch das Lokal. Und: „Sie war die Bahn-Delta-Queen.“ Wie bestellt geht die Tür auf: Mit drei Freundinnen kommt Nele aus Sylt, Tochter des Künstlers und Evi-Lebensgefährten Wolf „Papa“ Maack, auf den einen oder anderen Absacker vorbei. Jung ist die Nacht. Wer Schiffbruch vermeiden und eigentlich das Raucherlokal verlassen wollte, entschließt sich spontan zum Bleiben.


Denn jetzt geht die Party richtig los. Und im Seeteufel tanzt wieder der Klabautermann – lustvoller denn je.


Ausgang? Offen.


Jens Meyer-Odewald

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