Behördenkampf mit Happy End: Infotafel für 545,62 Euro

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Seit 112 Jahren steht das Denkmal für den ehemaligen deutschen Kaiser Wilhelm I. nun schon vor dem Rathaus am Platz der Republik in Altona. Wer da auf dem Pferd sitzt, das meterhoch in die Luft ragt, wussten hundert Jahre später aber nur noch die wenigsten Bürger der Hansestadt. Das stellte zumindest Kay Tangermann fest. Der Betreiber einer Werbeagentur und passionierte Hobbyhistoriker vermisste ein erläuterndes Hinweisschild an dem 1898 eingeweihten Denkmal. Per Brief wandte er sich im April 2003 an das Bezirksamt Altona mit der Bitte, ein solches Schild zu installieren. Was in den darauffolgenden Jahren passierte, gleicht einer beispiellosen Posse mit den Hauptakteuren Bezirksamt und Kulturbehörde.

Zwei Jahre nach Tangermanns Schreiben reagierte das Bezirksamt Altona erstmals auf die Idee und fertigte tatsächlich eine Infotafel an. Zufrieden war der gebürtige Hamburger damit aber nicht. Sie enthielt inhaltliche Fehler. Von einem Krieg zwischen 1864 und 1866 war die Rede. “Diesen Krieg hat es nie gegeben”, sagt Tangermann. Ein neus Schild musste her.

Weitere zwei Jahre später stellte Tangermann fest, dass auch das neue Exemplar unkorrekte Angaben enthielt. Dem Bezirksamt und der Kulturbehörde wurde es langsam unangenehm, denn Tangermann gab keine Ruhe. Bei einem gemeinsamen Treffen im Jahr 2010 notierte sich der Zuständige vom Denkmalschutz die genauen historischen Angaben Tangermanns. „Ich besitze das Protokoll des Preußeschen Landtags, daher weiß ich genau bescheid“, sagt der 55-Jährige. Gemeinsam mit der Kulturbehörde einigte er sich auf eine neue Plakette. Eine unendliche Geschichte mit Happy End? Nicht ganz. Denn die Stadt habe kein Geld, um die Tafel zu bezahlen, hieß in einem Schreiben an Tangermann.

Nun wurde es dem Werbefachmann und Buchautoren zu bunt. Weitere zwei Jahre wollte er nicht warten. Aus „pragmatischen Gründen“, wie es Tangermann betont, bot er an, die Kosten selbst zu übernehmen. „Ich wollte das Thema endlich abschließen“, sagt er. Die Stadt willigte ein. Am 9. Mai 2011 flatterte die Rechnung in Tangermanns Haus in Harvestehude. 545,62 Euro verlangte die Kulturbehörde des neuen Senats. Tangermann bezahlte. Einen Monat später wurde die blaue Emailletafel feierlich eingeweiht. Mit Kay Tangermann und dem Stadtarchiv Altona. Vertreter der Kulturbehörde oder des Bezirksamtes waren nicht dabei. Für den Initiator der Tafel eine Enttäuschung. Gewundert hat es ihn nicht. „Mit dem Text bin ich aber zufrieden“. Vor allem die Würdigung des Bildhauers Gustav Eberlein war Tangermann wichtig. Bei der Einweihung des Denkmals vor 123 Jahren mit 10.000 Gästen, darunter Kaiser und Kaiserin, verglichen die Altonaer Nachrichten das Werk mit den Künsten des berühmten Italieners Michelangelo.

Tangermann wirkt müde, wenn er über den quälenden Briefverkehr spricht. Dennoch hat er in dieser Zeit viel dazugelernt. Über die Langsamkeit von Behörden und Ämtern. „Passiver Widerstand“, nennt es Tangermann immer wieder. Er hat ihn durchbrochen. Nacht acht Jahren.

Henrik Jacobs

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2 Antworten auf Behördenkampf mit Happy End: Infotafel für 545,62 Euro

  1. Dietrich von Bern sagt:

    Da ist endlich jemand aufgestanden, um gegen die Gleichgültigkeit und den Schlendrian der
    Behörden zu kämpfen. Wie ist es zu erklären, dass die vielen Beamten bis vor Kurzem nicht
    wussten, warum das Denkmal errichtet worden war ? Allgemeine Bildung und Geschichts-
    kenntnisse – perdu ! Glückwunsch an Kay Tangermann für sein Engagement.

  2. Die Posse um die “Beschilderung” des Denkmals habe ich in den letzten Jahren immer wieder mitverfolgt. Solche Kommödien sind leider kein Einzelfall. Als ehemaliger Denkmalpfleger könnte ich Trauerarien darüber singen. Dass in unserer BRD nach ´45 Kultur und Kulturbewusstsein klein geschrieben wird, wurde schon so oft beklagt. Die Reduzierung des Grundwissens auf Naturwissenschaft und Technik, die grobe Vernachlässigung der kulturellen, historischen und künstlerischen Werte im Grundlernprogramm der Schulen haben den Anfang eines zunehmend verflachenden Interesses an Geschichte, Literatur oder Kunst gemacht. Die sinnlose, inhaltlich weitgehend sprachverstümmelnde Rechtschreibreform hat der Entwicklung noch den Rest gegeben. Wenigen ist dabei bewusst, dass diese Überbetonung des Technischen gegen das Geistige eigentlich ein Kind des faschistischen Ideals der Dreissiger Jahre ist: “flink wie ein Windhund, hart wie Kruppstahl…” etc. Man muss kein Pessimist sein, um zu erkennen, dass “Kultur” auf allen Ebenen zurückstehen muss: Kürzung des Geschichts- Musik- Literaturunterrichtes auf ein nicht zu vertretendes Minimum an den Schulen, Kürzungen in allen Kulturbereichen usf. Der Jugend unserer “Spaßgesellschaft” ist (anspruchsvolle) Kultur scheinbar nicht mehr zuzumuten – in dem Goethe´schen Sinne “Was du ererbt … erwirb es täglich, um es zu besitzen…”. Im Gegensatz zu Frankreich sind hierzulande Pflichtfächer wie “Literatur” oder “Philosophie” generell nicht vorhanden. Muss man sich da wundern, dass selbst in “kulturverwaltenden” Institutionen, in denen geschichtliche Erinnerung gepflegt werden sollte, um eine Basis zu schaffen für so etwas wie Selbststolz der Jugend auf die eigene Kultur, leider auch Spaßgesell-schaftler sitzen, denen es nicht einmal peinlich ist, gesagt zu bekommen, dass sie keine oder nur wenig Ahnung haben über das, wofür sie eigentlich bezahlt werden.
    Dieselbe Ignoranz findet sich auch anderswo: In Eichstätt etwa, einem der katholischsten der deutschen Städtchen, hat die Leiterin der Unibibliothek schon mal eine Lastwagenladung wertvoller alter Bücher des 17.-10. Jahrhunderts auf den Müll kippen lassen. Gegen die Einsprüche einiger etwas gründlicher gebildeter und beherzter Bürger wird der Residenzplatz dort – ganz entgegen seiner historischen Würde – als Rummelplatz vermarktet. Aber in diesem Städtchen hatte ja auch mal der ehemalige Oberbürgermei-ster – (seines eigentlichen Ausbildungsstandes Sparkassenbeamter) – vor versammelter Bürgerschaft erklärt: “Was Denkmalpflege ist, das bestimmen wir” – nach dem Motto, nur was mir gefällt kann Kunst sein. Ähnliche Kämpfe, wie sie bei Ihnen Herr Kay Tangermann über Jahre hinweg focht, mussten und müssen auch dort geführt werden.

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