„Altona als Bezirk wird 2030 Geschichte sein“

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Bezirksamtsleiter Jürgen Warmke-Rose, der gerne auf den Facettenreichtum Altonas hinweist, ließ sich an der Baustelle Eckhoffplatz fotografieren. Dort entsteht das neue Ortszentrum von Lurup (Bild: A. Laible)

Bezirksamtsleiter Jürgen Warmke-Rose, der gerne auf den Facettenreichtum Altonas hinweist, ließ sich an der Baustelle Eckhoffplatz fotografieren. Dort entsteht das neue Ortszentrum von Lurup (Bild: A. Laible)

Altona im Jahre 2030: Was wird sich verändert haben? Wohin steuert der Bezirk? In der Abendblatt-Serie „Visionen für Hamburg“ schreibt der parteilose Bezirksamtsleiter.

Wie wird Altona im Jahr 2030 aussehen? Um dazu jetzt schon eine Prognose zu stellen, lohnt sich ein Blick auf die demografische Entwicklung und andere Dinge, die man relativ verlässlich voraussehen kann. Und da möchte ich die vielleicht provokante These wagen, dass es Altona als Bezirk, so wie er heute organisiert ist, nicht mehr geben wird in 20 Jahren.

Das mag manchen vielleicht überraschen: Aber da ist zum einen die demografische Entwicklung, die sich aktuell schon recht eindeutig abzeichnet. Nach allem, was wir heute wissen, werden die Deutschen älter und weniger. 2030 sind wir vielleicht ein 70-Millionen- und kein 80-Millionen-Volk mehr. Doch diese Schrumpfung wird sich nicht gleichmäßig vollziehen. Hamburg wird wie wenige andere Metropolen auch bis dahin wohl weiter an Bevölkerung wachsen, auf dem Land wird man indes eine enorme Abnahme der Zahlen erleben. Das sagen jedenfalls Wissenschaftler.

Hinzu kommen die Schuldenbremse für die öffentlichen Haushalte, die ab 2020 greifen soll, sowie die Föderalismusreform II – beides schon beschlossene Sachen. Bundesländer und Kommunen dürfen dann nicht mehr ausgeben, als sie einnehmen, gleichzeitig muss jedes Bundesland selbst zusehen, wie es sich finanziert. Einen Ausgleich untereinander wie bisher soll es dann nicht mehr geben.

Das führt meiner Meinung dazu, dass kleine Länder nicht mehr allein lebensfähig sein werden. Schleswig-Holstein zum Beispiel. Und Niedersachsen wird es zerreißen, wir bekommen einen Nordstaat – und wenn wir Glück haben, wird Hamburg die Landeshauptstadt sein, und viele Institutionen werden hier angesiedelt. Doch dann wird es wie in München eine Stadtverwaltung geben und keine Landesbehörden mehr, die die Geschicke Hamburgs organisieren. Und auch die Bezirke werden aufgelöst, stattdessen wird dann bis 2030 womöglich der alte Voscherau-Plan umgesetzt sein, und wir werden dann nicht mehr sieben Bezirksverwaltungen haben, sondern es wird 15 oder mehr Bürgerämter geben. Ein so heterogener Bezirk wie Altona mit so unterschiedlichen Stadtteilen wie Blankenese, Ottensen oder Lurup dürfte dann mit verschiedenen Bürgerämtern verwaltet sein. Es muss nicht so kommen, aber vieles deutet darauf hin.

Das ist die eine Seite, doch die demografische Entwicklung wird in Altona in den kommenden 18 Jahren auch andere deutliche Spuren hinterlassen. Man muss sich dazu nur einmal vorstellen, dass mit dem prognostizierten Bevölkerungswachstum in der Stadt ein ganzer Bezirk wie etwa Bergedorf mit 100 000 Einwohnern noch einmal hinzukommt. Die Neue Mitte Altona wird sicher bis dahin fertiggebaut sein. Die Bahn wird dann ihren Fernbahnhof nach Diebsteich verlegt haben – das wird nicht jetzt bald geschehen, wie immer angekündigt. Bis 2030 aber auf jeden Fall, allein schon, weil der Sanierungsbedarf an dem alten Schienennetz am jetzigen Bahnhof immer größer wird. Aber auch die Elbvororte werden wachsen. Und ich hoffe, dass es bis dahin gelungen ist, die Großwohnanlagen wie in Lurup oder am Osdorfer Born vernünftig als lebenswerte Quartiere erhalten zu haben. An einen Abriss solcher Siedlungen aus den 1970er-Jahren glaube ich nicht, weil eben die Wohnraumnachfrage lange hoch sein wird in Altona, gerade in Altona vielleicht, das jetzt schon begehrter Wohnort von Neu-Hamburgern ist.

Ein ganz großes Fragezeichen mit Blick auf Altona und Hamburg im Jahr 2030 sehe ich bei der Fortentwicklung der städtischen Infrastruktur. Seit 20 Jahren schon erleben wir in unserer Stadt keine wirkliche Entwicklung mehr. Mal gibt es eine Verlängerung der S-Bahn nach Stade oder der U-Bahn nach Niendorf, aber wirkliche Fortschritte kaum. Doch wenn mehr als 100 000 zusätzliche Menschen in der Stadt wohnen werden, können wir den Verkehr nicht mehr abwickeln, wenn wir die Infrastruktur nur in homöopathischen Dosen ausbauen. Im Prinzip fahren wir nämlich noch immer auf einem Verkehrsnetz der 70er-Jahre.

Noch aber haben wir die Kraft, uns auf die kommenden Jahre einzustellen. Und wenn es nicht eine technische Revolution einer Art gibt, die ich noch nicht sehe, dann wird der Verkehr weiter großenteils über die individuelle Nutzung des Pkws geschehen. Zwar mag es einen Ausbau des Radverkehrs geben, doch zur Abwicklung der zukünftigen Verkehre brauchen wir neue Straßen. Für Altona bedeutete dies: Die Osdorfer Landstraße als Längsachse wird beispielsweise nicht mehr reichen. Königstraße, Max-Brauer-Allee und Stresemannstraße werden die zukünftigen Verkehre nicht mehr komplett aufnehmen können – da brauchen wir etwas Neues, für das eigentlich jetzt schon die Weichen gestellt werden müssten. Wie gesagt, ich sehe da noch ein großes Fragezeichen, ob sich das bis 2030 alles optimal entwickelt hat.

Die Entwicklung unseres Zentrums an der Großen Bergstraße hingegen sehe ich bis 2030 als abgeschlossen: Ikea wird der große Magnet sein, die Neue Große Bergstraße wird anders bebaut sein als heute, und wir haben dort wieder ein richtiges City-Zentrum. Ich glaube, dieses Ziel wird sogar schon früher als 2030 erreicht sein. Möglicherweise. Denn Prognosen – das hat Mark Twain schon so festgestellt – sind eine schwierige Sache, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.

Und für einen so turbulenten und facettenreichen Bezirk wie Altona dürfte das ganz besonders gelten.

Jürgen Warmke-Rose

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